Hintergrund

Eine gute Arbeitswelt für Ärztinnen und Ärzte

 

In den letzten Jahren hat sich im Arztberuf einiges geändert. "Die Medizin wird weiblich", der Frauenanteil im Medizinstudium liegt inzwischen bei über 60%. Der Trend zu einem höheren Frauenanteil spiegelt sich aber nicht in der Verteilung der Leitungspositionen wider. Je höher die Position in der ärztlichen Hierarchie, desto geringer ist der Anteil von Frauen. Auch in Berlin sind unter den ärztlichen Klinikleitungen nur 14% Frauen. Nicht nur der politische Fortschritt, sondern auch die große Zahl von weiblichen Berufsanfängerinnen verpflichtet uns dazu, die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Medizin zu realisieren.


Um Gleichstellung zu messen ist das Ausmaß von Beteiligung von Frauen an Leitungspositionen entscheidend. Die Europäische Union hat daher die „ausgewogene Mitwirkung von Frauen und Männern am Entscheidungsprozess“ als Ziel gesetzt. Zahlreiche EU-Länder verstehen dabei das Erreichen einer 30%-Beteiligung als wirksame Einflussnahme von Männern bzw. Frauen (1). Man spricht bei diesen 30% von einer „kritischen Masse“(2). Auch für die Aufsichtsräte der großen, börsennotierten Unternehmen wurde durch die Bundesregierung die 30% Quote beschlossen. Die Beteiligung von 30% Frauen bzw. Männern an Leitungspositionen bedeutet allerdings keine Parität und kann im Prozess der Gleichstellung nur als Mindeststandard, als erster Schritt, verstanden werden.

 


Die FrAktion Gesundheit will, dass mehr Frauen leitende Positionen erreichen. Auf Leitungsebene soll sich die Personalstruktur widerspiegeln. Dafür müssen die Rahmen- und Arbeitsbedingungen geändert und bei der Auswahl den Frauen mehr Chancen als bisher eingeräumt werden. Frauen sind mit ihren spezifischen Fähigkeiten vielfach sehr erfolgreiche Führungskräfte und gemischte Führungsteams vermögen mehr zu leisten als einseitig männerdominierte Führungsstrukturen. Ärztinnen und Ärzte müssen gemeinsam den politischen Willen bekunden, Parität von Männern und Frauen in Leitungspositionen zu erreichen. Die Ärztekammer kann hier mit dem Ziel, künftig den Kammervorstand paritätisch zu besetzen, mit gutem Beispiel vorangehen. Ein erster Schritt wäre also nach der Wahl im Herbst mindestens 30% der Vorstandsposten weiblich zu besetzen. Denn: in ihrer Standesvertretung muss sich die Grundgesamtheit der zu Vertretenen widerspiegeln!


Zum anderen müssen die beruflichen Rahmenbedingungen verändert werden, um Männern wie Frauen gleichermaßen die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben zu ermöglichen. In Zeiten von demographischem Wandel und Ärztemangel können wir es uns nicht leisten, dass nach einem der kostenintensivsten Studiengänge hoch qualifizierte Ärztinnen und Ärzte mit Kinderwunsch aus dem Erwerbsleben längerfristig oder gar dauerhaft ausscheiden. Es darf dabei aber nicht nur um die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ gehen, bei der in inzwischen gut etablierten Modellen vor allem Frauen sich um ihre Familien kümmern und gleichzeitig einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen. Vielmehr sollte die Formel, an der sich Arbeitgeber und politische Institutionen orientieren, um den ärztlichen Arbeitsplatz der Zukunft zu gestalten, die „Vereinbarkeit von Familien und Karriere“ sein. Dabei darf nicht vergessen werden, dass traditionelle Familienstrukturen seltener werden. Die Zahl an alleinerziehenden Vätern und Müttern steigt auch unter Akademikerinnen und Akademikern. In zahlreichen Partnerschaften müssen beide Partner Schichtdienste, Vordergrunddienste und Rufbereitschaften einplanen und abstimmen. Familienfreundliche Arbeitsplätze mit Karriereperspektiven erfordern daher unter anderem:

 

  • Leitungspositionen auch in Teilzeit zu gestalten. Dies braucht auch das Verständnis, dass Präsenzzeiten kein sine qua non für die Übernahme von Leitungspositionen sind.

  • Kreative Lösungen zur Flexibilisierung der Arbeitszeit auch für Tätigkeiten im Krankenhaus, dies schließt die Etablierung unterschiedlicher Teilzeitmodelle ein.

  • Kinderbetreuung, die sich an der beruflichen Realität orientiert:
  • Ein Betriebskindergarten, dessen Öffnungszeiten auch Schichtdienstmodellen gerecht wird
  • Betreuungsnotdienste für Ärzte und Ärztinnen mit Rufbereitschaft, insbesondere für Alleinerziehende

 

  • Auch in der Medizin sollten Anreize zur Familiengründung weiterentwickelt werden. Es bedarf einer familienfreundlichen Betriebskultur. Kinder sollten als Kompetenzgewinn und nicht als „Karrierehindernis“ oder Manko im Lebenslauf verstanden werden. Auch an Führungspersonal sollte daher die Erwartung adressiert werden, dass es über eigene Erfahrungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie verfügt. Junge Ärztinnen und Ärzte dürfen nicht das Gefühl haben, vor eine Entweder-Oder-Entscheidung gestellt zu werden. Dies verlangt auch:
  • Keine Kurzzeitverträge nach der Probezeit und Verträge über die volle Dauer der Facharztweiterbildung bzw. über die Dauer der vorhandenen Weiterbildungsbefugnis.
  • Ermutigung zur Elternzeit für Väter durch Vorgesetze.
  • Vakante Stellen durch Mutterschutz und Elternzeit zeitnah zu besetzen, so dass sich werdende Eltern nicht „unkollegialen“ Entscheidungen ausgesetzt sehen.


Zu einem wirklich familienfreundlichen ärztlichen Arbeitsplatz, der zudem berufliche Weiterentwicklung ermöglicht, ist es noch ein langer Weg. Jeder und jede Einzelne sollte in seinem oder ihrem beruflichen Umfeld darauf hinwirken. In der Ärztekammer können wir hier mit gutem Beispiel vorangehen und zumindest die Leitungsstrukturen verändern und damit ein Bekenntnis für die Gleichstellung von Ärztinnen und Ärzten formulieren!

 

 


Fußnoten:

(1) Atlas zur Gleichstellung von Frauen und Männern in Deutschland, a.a.O., S.7

(2) Das Konzept der kritischen Masse wurde von Drude Dahlrup im Jahr 1988 unter Rekurs auf Rosabeth Moss Kanther in die Diskussion um eine angemessene quantitative Repräsentation von Frauen in Parlamenten eingeführt. In: Sauer Birgit / Wöhl, Stefanie: Demokratie in Deutschland 2011 – Ein Report der Friedrich Ebert Stiftung. http://www.demokratie-deutschland-2011.de/common/pdf/Demokratie_und_Geschlecht.pdf 22.05.2011.

Interview mit Katharina Kulike anlässlich des Weltfrauentags 2013:
„Für Frauenpolitik zu sensibilisieren ist schwer“

Mach mit  bei der FrAktion Gesundheit!

Mehr Informationen