Hintergrund

Das Arzt-Patient-Verhältnis
in Zeiten der digitalen Revolution

 

Moderne Kommunikationsmittel können Schnittstellenproblematiken zwischen Ärztinnen und Ärzten, Laboren, Kliniken und Patientinnen und Patienten überbrücken. Mittlerweile haben viele Krankenhäuser, Versorgungszentren und Arztpraxen jeweils für sich vernetzte Strukturen. In immer mehr Einrichtungen werden papierlose Arbeit und elektronische Patientenakten eingeführt.

Wenn ein national verfügbares Informationsnetz - wie durch die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) - gespannt werden soll, befürchten viele Ärztinnen und Ärzte, dass sie überwacht, ihre Patientinnen und Patienten ausgeliefert und grundsätzlich das Recht der Bürgerinnen und Bürger auf informationelle Selbstbestimmung verletzt werden.

Ärztinnen und Ärzte formulieren deshalb hohe Erwartungen an die Sicherheit von Patientendaten. Sie weisen auf neue Bedrohungen hin, wobei es auch bisher nicht besonders gut um den Schutz von Patientendaten bestellt war.

 

1. Das Arztgeheimnis ist existentiell bedroht

Ärztinnen und Ärzte ersetzen herkömmliche Patientenakten durch digitalisierte Dokumentation. Die Vernetzung digitaler Daten gefährdet die ärztliche Schweigepflicht und die Arzt-Patienten-Beziehung. Diese Probleme werden in der Ärzteschaft allerdings noch häufig unterschätzt.

Viele Patientendaten sind irgendwann einmal online, spätestens mit der Quartalsabrechnung oder der Rechnungsstellung. Nicht erst seit Edward Snowden wissen wir: für Daten, die online sind, existiert kein Datenschutz. Alles, was online ist, kann abgeschöpft, gespeichert und wieder verwertet, nichts kann gelöscht werden. Alles ist dem Zugriff von staatlichen Stellen, kommerziellen Interessen und Hackern ausgeliefert. Die Grenzen zwischen legal und illegal verschwimmen.

Ein geschütztes Vertrauensverhältnis ist essentiell für die Arzt-Patienten-Beziehung. Wenn das nicht mehr gewährleistet ist, entfällt eine Grundbedingung ärztlichen Handelns.

Die Daten werden auf zentralen Speichern abgelegt. Die Datensicherheit auf diesen Speichern sowie auf dem Weg zu oder von den Speichern muss in Frage gestellt werden. Auch Verschlüsslungen können keinen vollständigen Datenschutz garantieren.

 

2. Die elektronische Gesundheitskarte – cui bono?

Die deutschen Ärztetage haben seit 2007 immer wieder mehrheitlich die elektronische Gesundheitskarte in der jeweils vorliegenden Form abgelehnt. Trotzdem bleibt die Bundesärztekammer als Mitglied der gematik (Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH) an den Vorbereitungen beteiligt. Bereits zum 1.1.2006 sollte die eGK die bisherige Krankenversicherungskarte ablösen. Geplant sind Notfallausweis, elektronisches Rezept, Daten zur Arzneimittelsicherheit, elektronischer Arztbrief und insbesondere die elektronische Patientenakte.

Bei der Einführung neuer technischer Systeme, die Milliarden kosten, muss man immer fragen: cui bono – wem nützt das? Wer verspricht sich einen Nutzen: der riesige Gesundheitsmarkt, Kontrollinstanzen der Krankenkassen, Krankenhauskonzerne, Pharmaindustrie und Forschung, sowie IT-Industrie, Versicherungen, Auskunfteien, Arbeitgeber, Polizei, kriminelle Hacker? Welchen Nutzen haben die Patienten? Eine kritische Stellungnahme zur eGK findet sich bei Dr. Elke Steven)

 

3. Gläserner Patient und gläserner Arzt

Sollte es zu der vorgesehenen Form der eGK kommen, gibt es nicht nur den gläsernen Arzt, sondern auch den gläsernen Patienten.

Die Freiwilligkeit der zu speichernden Daten ist momentan noch gesetzlich geregelt, kann aber wie jedes Gesetz geändert werden. Die eGK wird ihren Zweck nur erfüllen, wenn alle Daten der Patienten, insbesondere die vollständige Patientenakte, gespeichert werden. Es steht zu befürchten, dass eine Verweigerung oder Selektion dieser Daten aus Gründen der Praktikabilität, der medizinischen und juristischen Verantwortung, der Gefahr unvollständiger Angaben für Diagnose und Therapie und schon aus prinzipiellen bürokratischen, ökonomischen und wissenschaftlichen Interessen früher oder später ausgeschlossen werden wird.

Ärzteschaft sowie Patientinnen und Patienten werden dann einer computergesteuerten, normierten Medizin ausgeliefert. Das individuelle Arzt-Patienten-Verhältnis könnte in Zukunft der Überwachung von Krankenkassen, gesteuert von kaum individualisierbaren Leitlinien, ökonomischen Interessen und Bevormundung unterliegen. Wenn es heißt, das digitale Ich werde in Zukunft wichtiger sein als das reale, so wird das gleiche für die digitalen Patienten und Patientinnen gelten.

In der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung bedarf es zudem spezieller Regelungen zum Schutz besonders sensibler medizinischer Informationen. Solche Sperrklauseln müssen sich auch auf andere stigmatisierende Erkrankungen erstrecken.

 

4. Die digitale Revolution braucht Regulierung

Die digitale Revolution wird in ihrer Bedeutung mit der industriellen Revolution verglichen. Ihre positiven und negativen Folgen sind noch nicht absehbar. Umso wichtiger ist es, dass die Ärzteschaft sich jetzt den entsprechenden Problemen im Gesundheitswesen stellt. Vordringlich ist die Diskussion über Gesundheitstelematik, ärztliche Schweigepflicht und elektronische Gesundheitskarte, d.h. über den Schutz aller sensiblen Patientendaten in Klinik, Praxis und Forschung. Unabdingbar ist die intensive Zusammenarbeit mit Informatikern, Datenschützern, Juristen und nicht zuletzt Patientinnen und Patienten.

Die wahllosen Datensammelpraktiken und „Big Data“ dürfen nicht dem freien Markt oder gar den Geheimdiensten dienen, zumal es hier durch Schutz vor Datenmissbrauch um den Schutz elementarer Menschenrechte geht.

Das Projekt „elektronische Gesundheitskarte“ ist sofort zu stoppen. Das sollte sich angesichts der jetzt bekannt gewordenen und noch zu erwartenden Datenschutzprobleme von selbst verstehen.